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”kurz nach-denken” über Feiertage und den Unterschied zwischen Fülle und Völlerei:


An einem Ostermontag erhielt ich von meinem Freund Thomas wieder eines seiner nach-denkens-werten Mails, das ich euch zum genüsslichen Nach-Lesen und Nach-Denken ans Herz lege.


Ostern in Massen


Lieber Michael,

nun hab ich mich wirklich lange und sehr intensiv darauf vorbereitet. Hab meine Essgewohnheiten umgestellt und nur noch ganz bewusst und sehr in Maßen gekocht und gegessen. Mit dem Zweck, in mich hinein zu spüren was das mit mir macht. Kein übertriebenes Hungergefühl, kein absolutes Völlegefühl und es stellt sich ein zufriedener Sättigungsgrad ein, den ich so bisher nur selten in mir wahrnehmen konnte. Aber gestern, Ostersonntag, Tag der Auferstehung (in diesem Falle meines Magens), wollte ich dann unbedingt mal wieder richtig reinhauen. Osterfrühstück, Osterbraten, Oster-Schokoladeneier, all diese Dinge sind in meinem Verdauungstrakt gelandet und mir wird klar, dass die Völlerei die Gegenseite des Hungers darstellt. Beides sind erzwungene Mangelerscheinungen, wobei sich dieses zu viel Essen als Mangel hinter dem Überfluss versteckt. Der Hungernde, der keine Möglichkeit hat sich Essen zu besorgen, spricht natürlich in so einer Situation davon, dass man ja nur nicht zu essen bräuchte, wenn es einem zu viel sei.

Allerdings steckt der Mangel der Völlerei ja in dem eigenen Bewusstsein. Dieser Mangel äußert sich in der Tatsache, dass man nicht so leicht nein sagen mag, wenn's schmeckt. Der Überfluss zeigt den Mangel des Bewusstsein auf. Also der Moment an dem man sich ganz bewusst für den Verzicht entscheidet und das ist eine Aufgabe, die vielen von uns immer noch und immer wieder schwer fällt. So auch mir, als ich gestern vor dem Truthahnschlegel mit Kartoffelknödel und Blaukraut gesessen bin und gespürt habe, wie sich auch ohne Hunger in mir die pure Lust am Essen breit gemacht hat. Nein, natürlich ist mir diese Situation nicht neu, aber gestern hab ich mir das wieder sehr klar vor Augen geführt.

Ich sehe es inzwischen als unsere Lernaufgabe, nicht hemmungslos zu konsumieren sondern uns ganz bewusst auf das, was wir tun, einzulassen. Ohne Mangel, der uns von außen aufgezwungen wird, womit man über einen gewissen Grat der Überlebenskunst nicht hinauskommt. Verzicht aus Mangel ist die Gegenseite des Verzicht aus Überfluss. Die Wirkung kann dieselbe sein, der Antrieb ist ein komplett anderer. So kann ich es auch verstehen, warum uns inzwischen sehr viele Möglichkeiten offen stehen, für die wir uns entweder ganz bewusst entscheiden - oder unbewusst in uns reinstopfen. Letzteres macht körperlich und geistig krank, ersteres kann heilen. Eine Übung und eine Aufgabe, die wir und vor allem unsere Kinder bzw. nachfolgende Generationen immer bewusster wahrnehmen und uns dadurch in der Gemeinschaft weiter fortschreiten lassen.

Zurück bleiben Menschen, die das nicht sehen wollen oder können und die für den freiwilligen Verzicht noch nicht bereit sind. Menschen, die dich dann vermutlich als esoterischen Spinner hinstellen und sich von dir abwenden. Ich will ja nicht behaupten, dass du ein asketisch lebender Mensch bist, dazu liebst du das Fleisch in jeder Form und die Wohltat des Lebens viel zu sehr. Dagegen spricht auch nichts. Aber ich denke schon, dass auch du ein ganz eigenes Bewusstsein entwickelt hast, wie du dein Leben wahrnimmst. Und das ist eine Art des Fortschrittes, die ich gerne weiter fortführen würde.

Ob du diese meine Sichtweise nun teilen kannst, weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau. Ob dir das Mittelmaß so wichtig ist wie mir, das wage ich fast zu bezweifeln, obwohl ich an dir durchaus Züge feststellen kann, die sich in diese Richtung bewegen. Natürlich ist dein Ordnungssinn immer noch weit ausgeprägter als bei mir. Und selbstverständlich lädst du dir immer noch viel mehr Aufgaben gleichzeitig auf deine Schultern, wie ich sie nie im Leben tragen könnte oder wollte. Aber ich konnte von dir auch schon die Worte hören, dass du nicht mehr strikt an dem kürzesten und schnellsten Weg von A nach B fest hältst. Sich vom Leben treiben lassen, Truthahnschenkel dankend annehmen, wenn sie an einem vorbeifließen, aber sich nicht strikt daran klammern. Ich denke, das wird unsere Aufgabe für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in unserem Lande werden. Sogar der Papst, der neu gewählte Papst, spricht vom bewussten und freiwilligen Verzicht. Da bin ich mal gespannt, was uns das Leben noch bringen wird.

Nach diesen Grundsatzgedanken, die mich derzeit beschäftigen, weil ich nicht mehr auf's Wetter schauen möchte, wünsche ich dir noch einen möglichst ruhigen Ostermontag mit viel gutem und beherztem Essen - aber in Maßen!


Lass es dir gut gehen,
herzliche Grüße

Thomas


Eine Anmerkung von mir dazu:

Das, was Thomas als “Verzicht” bezeichnet (und wir alle sind gewohnt, so zu formulieren), ist genau genommen gar kein Verzicht sondern eine bewusste Wahl, die letztendlich zu einem Mehr an Lebensqualität führt - nicht zu einem Weniger, wie es das Wort “Verzicht” implizieren würde.

Für das Ego scheint es kurzfristig ein Verzicht, also tatsächlich ein Weniger zu sein. Dies ist aber eine Täuschung und es lohnt sich, ihr nicht zu erliegen sondern genauer hinzuschauen. Denn das Ego profitiert und nährt sich von unseren kurzfristigen Mangel-Ängsten. Darüber sind wir für das Ego steuerbar. Aber der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch. Das erkennen wir, indem wir über den Tellerrand und den heutigen Tag hinausschauen. Erst dann können wir wirklich frei und reell entscheiden - und scheinbaren Verzicht als eigentliche Bereicherung erkennen. Das Ego deklariert und etikettiert gerne falsch, damit wir auf seine Mogelpackungen einsteigen und weder den wahren Preis noch den wahren Inhalt erkennen. Das funktioniert auf allen Ebenen - inklusive unserem Umgang mit unseren Mitmenschen, in Arbeitswelt, Medien, Politik und Kirche.

Bewusstheit und Selbstbeobachtung hilft uns bei der Selbst-Erkenntnis und ebnet damit den Weg in die innere Freiheit. Denn wenn wir die Mogelpackung durchschauen und den wahren Preis erkennen, werden wir zunehmend häufiger nicht mehr bereit sein, ihn zu zahlen. Er wird uns zu hoch sein. So ist mir zum Beispiel der Preis für Nachrichten schauen inzwischen zu hoch. Der Preis ist nämlich, wie so oft, Angst. Das zu erkennen ist nicht leicht. Das Spiegelkabinett des Egos ist gut eingefädelt, aber wer sucht wird finden und wer sehen will wird erkennen.

Halbherzigkeit führt hier allerdings nicht zum Ziel, nur vollständige Entschlossenheit mit der Bereitschaft, alle liebgewonnenen Glaubenssätze und Überzeugungen dafür hinzugeben und loszulassen. Das ist wiederum ist ein Preis, der dem Ego zu hoch ist. Es wird ihn nicht freiwillig zahlen wollen. Wofür willst Du Dich entscheiden? Ego oder höheres Selbst? Du hast die Macht, Du bist der Entscheider!


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